Morgens um sieben Uhr. Draußen liegt diese harte Kälte über dem Märkischen Viertel, die sich sofort in die Finger setzt. Und dann läuft da ein Mann im T-Shirt, als wäre es ein ganz normaler Tag. Viele kennen diesen Moment im Kopf. Erst kommt das Staunen. Dann kommen die schnellen Gedanken hinterher. Der spinnt doch. Der braucht Aufmerksamkeit. Der ist krank. Vielleicht Drogen.
Genau so ein Moment ist es, in dem einer unserer Viertelreporter stehen bleibt. Nicht, um zu urteilen. Sondern um zu verstehen. Also hingehen und fragen, ganz normal und freundlich:
Entschuldigung, kann ich mal was fragen. Wie schaffen Sie es bei minus sieben Grad mit T Shirt draußen.
Der Mann lächelt. Kein Theater, keine Pose. Einfach ruhig. Und sagt sinngemäß: Für mich ist das kein Problem. Ich habe seit 23 Jahren keine Erkältung mehr gehabt.
Weil das so unglaublich klingt, kommt automatisch die nächste Frage. Ob das Absicht ist, damit es so bleibt und ob er auch Eisbaden macht. Der Mann verneint und erzählt: Er ist als Kind viel draußen gewesen. Garten. Schnee. Kurze Hosen. Der Körper habe das gelernt und er mache es bis heute so. Im selben Atemzug sagt er auch, dass er bei solchen Temperaturen gelegentlich sogar mit dem Fahrrad fährt. Im T-Shirt.
Dann fällt erst auf, wie unterschiedlich Menschen ihren Alltag gebaut haben. Der Mann zeigt seine dünne Hose. Mehr ist da nicht. Aus der Nähe sieht man aber auch: Er spürt die Kälte. Da ist Gänsehaut an den Armen. Minusgrade bleiben Minusgrade. Aber es wirkt nicht wie Selbstzerstörung. Es wirkt wie Gewohnheit, wie Training, wie ein bewusstes Verhältnis zum eigenen Körper. Vor allem wirkt der Mann absolut nicht verrückt. Er wirkt freundlich, ruhig, irgendwie bei sich.
Das Gespräch endet freundlich, respektvoll, ohne Show. Ein Dank, ein alles Gute, ein Lächeln und dann geht jeder weiter.
Was bleibt, ist nicht die Frage, ob man das nachmachen sollte, sondern etwas Menschlicheres. Diese Sekunden, in denen ein Vorurteil im Kopf auftaucht, sind normal. Manchmal schützen sie sogar, weil sie uns warnen und sortieren lassen. Aber sie sind eben nur der erste Entwurf. Wenn man sich traut, freundlich zu fragen, wird aus dem schnellen Urteil manchmal eine Begegnung. Und aus einer fremden Szene wird ein kleiner Beweis, dass hinter fast allem, was wir nicht verstehen, ein Mensch steht, der seine eigenen Gründe trägt.
Die Beitragsgrafik ist eine künstlerische Darstellung
