Zwischen Labor und Kühlregal eine Einordnung aus dem Märkischen Viertel

fleisch

Wer im Märkischen Viertel einkaufen geht, bemerkt schnell, dass vegetarische und vegane Produkte vorhanden sind, aber meist weniger Platz einnehmen als in anderen Gegenden der Stadt. In den umliegenden Supermärkten gibt es eigene Regale für Fleischersatz, doch sie bleiben überschaubar. Das ist kein Urteil über Haltungen oder Überzeugungen. Es zeigt vor allem, was regelmäßig gekauft wird. Angebot folgt Nachfrage, auch im Viertel.

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Gleichzeitig wird außerhalb des Märkischen Viertels seit einigen Jahren über eine Entwicklung gesprochen, die den Umgang mit Fleisch grundlegend verändern könnte. Kultiviertes Fleisch, häufig als Laborfleisch bezeichnet, ist kein Zukunftsbild mehr, sondern Teil laufender Forschung und erster Markteinführungen. Die Frage ist, was das für den Alltag hier bedeutet und ob diese Entwicklung irgendwann auch im Viertel ankommt.

Was mit kultiviertem Fleisch gemeint ist

Kultiviertes Fleisch ist kein pflanzlicher Ersatz. Es handelt sich um echtes tierisches Gewebe, das aus Zellen gezüchtet wird. Dafür werden tierische Zellen entnommen und in kontrollierten Umgebungen vermehrt. Geschlachtet wird dabei kein Tier. Der Prozess ähnelt biotechnologischen Verfahren, wie sie auch in der Medizin oder Lebensmittelindustrie genutzt werden.

Derzeit eignet sich die Technik vor allem für verarbeitete Produkte wie Burger, Nuggets oder Hackfleisch. Für gewachsene Stücke mit fester Struktur wird an essbaren Trägermaterialien geforscht, an denen sich die Zellen anheften und entlang von Fasern ausrichten können. Zusätzlich arbeiten- Forschungsteams Reize wie elektrische Impulse oder mechanische Belastung, um Muskelzellen ähnlich wie beim Training zur Reifung anzuregen und die Gewebestruktur zu verbessern. Das ist technisch machbar, aber in der Produktion bisher komplex und teuer.

Geschmack, Gesundheit und Umwelt

Da es sich um echtes Fleisch handelt, ist der Geschmack grundsätzlich vergleichbar mit konventionellem Fleisch. Unterschiede ergeben sich eher durch Fettzusammensetzung oder Verarbeitung. Theoretisch lassen sich bestimmte Inhaltsstoffe gezielt steuern, etwa der Anteil bestimmter Fettsäuren.

Gesundheitlich wird häufig angeführt, dass die Produktion ohne Antibiotika auskommt und ohne Risiken wie Salmonellen oder andere Keime aus der Massentierhaltung. Gleichzeitig ist vieles noch nicht abschließend untersucht. Langfristige Bewertungen hängen davon ab, wie solche Produkte tatsächlich hergestellt und kontrolliert werden.

Auch bei Umweltfragen gibt es keine einfachen Antworten. Kultiviertes Fleisch könnte deutlich weniger Fläche benötigen als klassische Tierhaltung. Wie klimafreundlich es ist, hängt stark vom Energieeinsatz ab. Die Forschung liefert dazu vor allem Modellrechnungen.

Wann das Thema in Deutschland relevant wird

In der Europäischen Union gilt kultiviertes Fleisch als neuartiges Lebensmittel. Eine Zulassung für den allgemeinen Verkauf gibt es bislang nicht. Erste Anträge werden geprüft. Fachleute rechnen damit, dass entsprechende Produkte zunächst in einzelnen Restaurants angeboten werden könnten. Im Supermarkt dürfte es noch einige Jahre dauern.

Der Preis ist ein weiterer entscheidender Punkt. Die Herstellung ist aktuell sehr teuer. Langfristig wird angestrebt, mit konventionellem Fleisch konkurrieren zu können. Ob und wann das gelingt, ist offen.

Und was ist mit Milch, Butter und anderen Produkten

Zelluläre Landwirtschaft beschränkt sich nicht auf Fleisch. Auch Milchproteine, Ei Bestandteile oder Gelatine können biotechnologisch hergestellt werden. Dabei geht es meist nicht um vollständige Lebensmittel, sondern um einzelne Bestandteile, die weiterverarbeitet werden. Erste Produkte sind international bereits im Einsatz, etwa in Getränken oder Backwaren. Für den Alltag im Märkischen Viertel spielen sie bislang kaum eine Rolle.

Für viele Menschen ist genau das ein zentraler Punkt. Fleisch zu ersetzen reicht nicht aus, solange andere tierische Produkte weiterhin genutzt werden. Die Forschung bewegt sich in diese Richtung, aber sie steht noch am Anfang.

Gewohnheit, Akzeptanz, Alltag und Esskultur

Warum die Regale für Fleischalternativen im Märkischen Viertel kleiner sind als anderswo, lässt sich nicht allein mit Ablehnung erklären. Ernährung ist stark von Gewohnheiten geprägt. Preis, Geschmack, familiäre Routinen und Verfügbarkeit spielen eine größere Rolle als Grundsatzfragen.

Veränderungen in der Ernährung verlaufen langsam. Historisch betrachtet haben sich Essgewohnheiten immer wieder verschoben. Was heute als selbstverständlich gilt, war früher ungewohnt. Gleichzeitig fällt es schwer, sich selbst als Teil eines solchen Übergangs zu sehen.

Eine offene Frage an den Alltag

Wenn kultiviertes Fleisch eines Tages günstiger ist als konventionelles Fleisch, wenn es ohne Antibiotika auskommt, ohne Tiertransporte, ohne Schlachtung und mit kontrollierbaren Inhaltsstoffen hergestellt wird, stellt sich eine einfache Frage.

Würden Menschen dann bewusst Fleisch von getöteten Tieren wählen, obwohl es eine technisch hergestellte Alternative gibt, die als sicherer und berechenbarer gilt. Oder hängt unsere Entscheidung weniger an Gesundheit und Fakten als an Gewohnheit, Herkunft und dem Gefühl von Vertrautheit.

Vielleicht entscheidet sich diese Frage nicht heute und auch nicht im Supermarktregal im Märkischen Viertel. Aber sie wird sich stellen, sobald neue Formen von Fleisch nicht mehr Ausnahme sind, sondern Teil des Alltags. Dann geht es weniger um Technik und mehr um die Bereitschaft, vertraute Muster zu hinterfragen.


Die Forschung steht noch am Anfang. Als Gedankenexperiment kann man trotzdem grobe Wahrscheinlichkeiten skizzieren. Wenn Zulassungen in der EU in den späten 2020er Jahren kommen, ist es eher wahrscheinlich, dass zuerst einzelne Restaurants kleine Mengen anbieten, vielleicht mit einer Chance von etwa 40 bis 60 Prozent bis 2030. Dass Produkte im normalen Supermarktregal in größerem Umfang landen, wirkt aus heutiger Sicht eher ein Thema der 2030er Jahre, vielleicht mit 20 bis 40 Prozent bis 2035, weil Kosten, Skalierung und Kontrolle noch große Hürden sind. Für die sehr lange Perspektive gilt, dass ein Verbot industrieller Tiertötung rein theoretisch denkbar wäre, wenn Alternativen dauerhaft billiger und politisch mehrheitsfähig werden. Das ist keine Vorhersage, sondern eine Annahme. Sie würde eher in Jahrzehnten greifen, wenn überhaupt, und wäre dann weniger eine technische als eine gesellschaftliche Entscheidung.

Ein Ausschnitt aus einem YouTube Video, in dem das Prinzip von kultiviertem Fleisch gezeigt wird. Es geht dabei um die Frage, wie nah diese Technik schon am Alltag ist und was davon bisher vor allem Demonstration bleibt.

Allgemeines Erklärvideo – Fleisch Aus Zellkultur

Zusatzinformation:
Auch kultiviertes Fleisch ist derzeit noch kein vollständig tierfreies Produkt. Zwar wird für das Fleisch selbst kein Tier geschlachtet, doch in der Forschung und teilweise auch in der Entwicklung wurden bislang Nährmedien eingesetzt, die tierische Bestandteile enthalten, darunter fetales Kälberserum. Dieses wird aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen und steht im Zentrum der ethischen Kritik. Die Industrie arbeitet daran, vollständig tierfreie Nährmedien zu etablieren, doch diese sind bislang teuer und technisch anspruchsvoll. Ob und wann sie sich flächendeckend durchsetzen, wird entscheidend dafür sein, ob kultiviertes Fleisch den Anspruch einlösen kann, ohne Tiertötung auszukommen. Damit bleibt die Technologie vorerst ein Übergangsmodell und kein abgeschlossener Zustand.

VonLux

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