Was, wenn morgen schon existiert und du trotzdem frei entscheidest?

zeit willen pi

Auf dieser Seite geht es normalerweise um das Märkische Viertel. Um Straßen, Veränderungen, Begegnungen und vor allem um die Menschen, die hier leben. Heute verlassen wir für ein paar Minuten unsere gewohnten Themen und wagen gemeinsam ein Gedankenexperiment, das zunächst ziemlich groß klingt, sich am Ende aber erstaunlich nah vor unserer eigenen Haustür wiederfindet. Denn gerade wenn jeden Tag über Menschen und ihre Entscheidungen berichtet wird, führt das irgendwann zu einer viel größeren Frage: Was bedeutet es eigentlich, dass wir Entscheidungen treffen und damit unsere gemeinsame Geschichte verändern?

Für uns scheint Zeit zunächst ziemlich eindeutig zu funktionieren. Gestern ist vorbei, heute findet statt und morgen kommt erst noch. Doch besonders die Relativitätstheorie zeigt, dass ein universelles „Jetzt“ physikalisch gar nicht so selbstverständlich ist. Genau hier setzt eine faszinierende philosophische Idee an: die B-Theorie der Zeit.

Vielleicht fließt die Zeit gar nicht so, wie wir sie erleben

Sehr vereinfacht gesagt behandelt die B-Theorie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht als objektive Zustände, durch die das Universum nacheinander hindurchwandert. Grundlegender sind zeitliche Beziehungen: Ein Ereignis geschieht früher als, später als oder gleichzeitig mit einem anderen.

Damit wird häufig der sogenannte Eternalismus verbunden. Nach dieser Auffassung wären vergangene, gegenwärtige und zukünftige Ereignisse gleichermaßen Teile der Wirklichkeit. Daraus ergibt sich das bekannte Bild eines Blockuniversums, in dem Raum und Zeit gemeinsam eine vierdimensionale Struktur bilden.

Dabei muss man wissenschaftlich sauber bleiben: Die B-Theorie sagt nicht, dass das Universum zwingend einen Anfang und ein Ende besitzen muss. Sie sagt auch nicht automatisch, dass alles kausal vorherbestimmt ist. B-Theorie, Eternalismus, Determinismus und Fatalismus sind unterschiedliche Begriffe und dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden.

Die moderne Physik macht solche Überlegungen trotzdem besonders interessant. In Einsteins Relativitätstheorien werden Raum und Zeit gemeinsam als vierdimensionale Raumzeit beschrieben. Besonders spannend ist die Relativität der Gleichzeitigkeit: Für räumlich getrennte Ereignisse gibt es nicht in jeder Situation ein universelles „Jetzt“, auf das sich alle Beobachtenden unabhängig von ihrer Bewegung einigen müssen.

Das beweist kein Blockuniversum. Es zeigt aber, warum die Vorstellung einer einzigen kosmischen Gegenwart physikalisch keineswegs so selbstverständlich ist, wie sie sich im Alltag anfühlt.

Wenn die Zukunft dazugehört, wo bleibt dann deine Freiheit?

Nehmen wir für einen Moment an, das Blockuniversum wäre tatsächlich eine richtige Beschreibung unserer Wirklichkeit. Dann wäre auch dein morgiger Tag Teil dieser Raumzeit.

Vielleicht hilfst du morgen einem fremden Menschen. Vielleicht gehst du weiter. Vielleicht schreibst du nach langer Zeit jemandem eine Nachricht oder triffst eine Entscheidung, die Jahre später noch Folgen hat.

Wenn dieser zukünftige Augenblick bereits zur Raumzeit gehört, liegt eine Frage sofort auf der Hand: Dann steht doch ohnehin schon fest, was ich tun werde. Wie kann meine Entscheidung dann noch frei sein?

Genau darüber wird in der Philosophie seit Langem gestritten. Eine mögliche Antwort liefert der sogenannte Kompatibilismus. Danach müssen Festgelegtsein und Freiheit nicht zwingend Gegensätze sein. Entscheidend könnte vielmehr sein, woher deine Handlung kommt.

Wenn du einen Menschen siehst, der Hilfe braucht, darüber nachdenkst, dich an eigene Erfahrungen erinnerst, Mitgefühl empfindest und schließlich stehen bleibst, hat niemand von außen diese Entscheidung für dich getroffen. Deine Überlegungen, deine Persönlichkeit und deine Gründe haben zu dieser Handlung geführt.

In einem gedachten Blockuniversum könnte deine Entscheidung deshalb bereits Bestandteil der vollständigen Geschichte sein und trotzdem deine Entscheidung bleiben.

Anders formuliert: Sie steht nicht dort, obwohl du entschieden hast. Sie steht dort, weil du entschieden hast.

Andere philosophische Auffassungen widersprechen genau an diesem Punkt. Für sie setzt wirkliche Willensfreiheit voraus, dass tatsächlich eine andere Zukunft möglich gewesen wäre. Die Frage ist also keineswegs geklärt. Das Blockuniversum löst das Rätsel des freien Willens nicht. Es macht lediglich sichtbar, wie seltsam die Begriffe „feststehend“ und „frei“ werden, sobald man Zeit anders betrachtet.

Und dann kommt plötzlich Pi ins Spiel

Hier gibt es eine verblüffende mathematische Parallele.

Die Kreiszahl π beginnt mit 3,14159265358979323846 und besitzt unendlich viele Nachkommastellen, ohne irgendwann periodisch zu werden.

Manchmal wird daraus die Behauptung gemacht, in π müssten deshalb sämtliche denkbaren Zahlenfolgen enthalten sein. Das ist allerdings nicht bewiesen. Dafür wäre beispielsweise die sogenannte Normalität von π eine entscheidende Eigenschaft. Bis heute weiß die Mathematik nicht, ob π normal ist.

Nehmen wir diese Eigenschaft deshalb ausdrücklich nur für ein Gedankenexperiment an.

Wenn π normal wäre, käme jede beliebige endliche Folge von Dezimalziffern irgendwo darin vor. Und das wird faszinierend, sobald man bedenkt, dass digitale Informationen in Zahlen übersetzt werden können. Ein Text, ein Foto, Musik oder auch eine DNA Sequenz lassen sich durch geeignete Kodierungen als endliche Datenfolgen darstellen.

Dann könnte irgendwo unvorstellbar weit hinten eine Zahlenfolge stehen, die sich mit einer bestimmten Kodierung beispielsweise als ein bestimmtes Foto interpretieren ließe.

Das bedeutet natürlich nicht, dass innerhalb von π tatsächlich dieses Foto oder gar die darauf abgebildete Wirklichkeit existiert. Dort stehen lediglich Ziffern. Erst eine von Menschen festgelegte Kodierung gibt diesen Ziffern eine bestimmte Bedeutung.

Und noch etwas ist wichtig: Für dieses Gedankenexperiment brauchen wir π streng genommen überhaupt nicht. Es gibt mathematisch konstruierte Zahlen, bei denen Normalität tatsächlich bewiesen ist. π ist hier vor allem deshalb so faszinierend, weil es eine bekannte, natürlich auftretende mathematische Konstante ist und bis heute offen ist, wie ihre Ziffern in dieser Hinsicht verteilt sind.

Der eigentlich spannende Gedanke steckt woanders

Angenommen, eine bestimmte Ziffernfolge befindet sich sehr weit hinten in einer mathematisch vollständig definierten Zahl. Noch kein Mensch hat sie berechnet. Vielleicht wird sie erst in hundert Jahren gefunden.

Entsteht diese Ziffernfolge dann erst in hundert Jahren?

Nein. Sie war durch die mathematische Definition bereits festgelegt. Neu wäre lediglich das Wissen der Menschen darüber.

Und genau hier entsteht eine erstaunliche philosophische Brücke zum Blockuniversum.

Unbekannt ist nicht dasselbe wie unbestimmt.

Das ist kein Beweis für die B-Theorie. Es ist auch kein physikalisches Indiz dafür, dass unsere Zukunft bereits existiert. Aus den Eigenschaften von π lässt sich keinerlei Aussage darüber ableiten, wie die Zeit unseres Universums tatsächlich aufgebaut ist.

Aber als mathematische Analogie hilft der Gedanke dabei, etwas zunächst vollkommen Fremdes zu verstehen: Etwas kann festgelegt sein, obwohl niemand weiß, was dort steht.

Bei einer mathematisch definierten unendlichen Zahl können Stellen bereits bestimmt sein, die noch niemals jemand berechnet hat. In einem Blockuniversum könnte entsprechend ein zukünftiges Ereignis Teil der Raumzeit sein, obwohl noch kein Mensch diesen Zeitpunkt erlebt hat.

Das eine beweist das andere nicht. Aber beide Gedanken führen zu einer erstaunlichen Unterscheidung:

Was wir wissen und was der Fall ist, sind nicht zwangsläufig dasselbe.

Und was hat das mit dem Märkischen Viertel zu tun?

Vielleicht mehr, als zunächst gedacht.

Seit Jahren werden hier Augenblicke aus dem Viertel festgehalten. Gebäude verändern sich oder verschwinden. Kinder werden erwachsen. Menschen ziehen ein, andere ziehen fort. Jemand verliert etwas und ein fremder Mensch hebt es auf. Eine Person braucht Unterstützung und jemand anderes entscheidet sich, nicht einfach weiterzugehen.

Im jeweiligen Moment erscheint vieles davon klein und unwichtig. Jahre später wird aus einem gewöhnlichen Foto plötzlich Zeitgeschichte. Aus einer zufälligen Begegnung kann eine Freundschaft entstehen. Eine Entscheidung von wenigen Sekunden kann für einen anderen Menschen einen ganzen Tag verändern.

Niemand von uns kann von außen auf die vollständige Geschichte seines Lebens schauen. Niemand kennt den nächsten Abschnitt. Und niemand weiß bislang, ob die Zukunft tatsächlich offen ist oder ob sie auf eine Weise zur Struktur der Raumzeit gehört, die unser menschliches Zeiterleben nicht erkennen lässt.

Doch selbst in der radikalen Vorstellung eines Blockuniversums wären unsere Entscheidungen deshalb nicht bedeutungslos. Ganz im Gegenteil: Wenn du morgen jemandem hilfst, gehört diese Hilfe zur Geschichte. Wenn du jemanden verletzt, gehört auch das dazu. Wenn du dich entschuldigst, Verantwortung übernimmst, jemanden auffängst oder einem fremden Menschen einen guten Moment schenkst, ist genau deine Entscheidung ein Teil dessen, was an diesem Punkt der Raumzeit geschieht.

Vielleicht besteht Freiheit deshalb nicht darin, außerhalb der Geschichte zu stehen und von dort aus eine vollkommen ungeschriebene Zukunft zu erschaffen. Vielleicht kann Freiheit auch bedeuten, selbst einer der Gründe dafür zu sein, warum die Geschichte so aussieht, wie sie aussieht.

Ob unser Universum tatsächlich ein Blockuniversum ist, wissen wir nicht. Ob π normal ist, wissen wir ebenfalls nicht. Und wie freier Wille letztlich mit den fundamentalen Gesetzen der Natur zusammenpasst, gehört weiterhin zu den großen Fragen zwischen Philosophie und Wissenschaft.

Aber während Menschen darüber nachdenken, wie Zeit im Großen funktioniert, passiert im Kleinen etwas sehr Reales. Jeden Tag begegnen sich hier im Viertel Menschen und entscheiden, wie sie miteinander umgehen.

Vielleicht können wir nicht bestimmen, wie die Zeit aufgebaut ist. Vielleicht können wir nicht einmal wissen, ob das Morgen in irgendeinem tieferen physikalischen Sinn bereits seinen Platz besitzt.

Aber wir können entscheiden, wer wir in dem Stück Geschichte sind, das wir gerade erleben. Und vielleicht ist genau das viel größer, als es im ersten Moment klingt.

ByLux

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert